Im Rahmen der  Deutschen Wochen der  Deutschen Botschaft Minsk fand am Dienstag, den 29.10.2019 an der Minsker Staatlichen Linguistischen Universität die 1. vom DAAD-Informationszentrum Minsk organisierte Science Lecture in Belarus statt.

Prof. Dr. Dorothee Röseberg (Berlin/Halle) referierte zum Thema Handeln in interkulturellen Kontexten. Für eine Typologie der Interkulturalitätsforschung.

In ihrem Vortrag skizzierte Professor Röseberg anhand von drei Phasen die Entstehungskontexte des Forschungsfelds und nahm eine Typologisierung der Forschungsansätze vor. Die Aktualität des Themas unterstrich Röseberg mit Verweis auf die zunehmende Globalisierung und die damit einhergehende Internationalisierung von Beruf und Alltag. Auch die Zunahme von weltweiten Migrationsbewegungen sowie die internationale Verflechtung unseres Lebens verdeutlichen die Aktualität des Themenfeldes.

Auf dieser Grundlage erläuterte Röseberg drei Ansätze: systemisch-konstrative (Kulturdimensionen), interaktionistische (Interkulturen) sowie relationale (Selbstaufklärung, Sichtwechsel) und ging auf deren Schwerpunkte, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ein.

In der Erläuterung der interaktionistischen und relationalen Ansätze betonte Röseberg die Bedeutung der Selbstreflexion in der interkulturellen Kommunikation, und die Frage des Blickes, mit dem man einem fremden Gegenstand begegnet (Notwendigkeit eines Perspektivwechsels).

Insbesondere Fremderfahrungen stellen ein wichtiges Bindeglied zwischen Theorien zu Fremdheit und der Praxis in interkulturellen Situationen dar, wobei wissenschaftliche Methodiken zur Reflexion der eigenen erlebten Fremdheit noch weitgehens ausstünden. Es sei zudem wichtig, Fremderfahrung als positive Erfahrung zu verstehen, da sie überhaupt erst die Aneignung anderer Blickrichtungen und die Erfahrung eigener Ordnungsmuster und Grenzen ermöglichen.

Ihre Ausführungen erläuterte Röseberg immer wieder mit aktuellen Beispielen und auch persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Abschließend gab Röseberg einen Ausblick auf die vielschichtigen Herausforderungen, denen sich interkulturelle Studien und Trainings stellen müssten und betonte, dass interkulturelles Wissen allein für ein vollumfängliches Verständnis von interkultureller Kompetenz nicht ausreichen.

Vielmehr sei der Fokus auf konkrete Situationen und Akteure für die Analyse von interkultureller Kommunikation entscheidet. Zur Schulung der interkulturellen Kompetenz als eine Schlüsselkompetenz ist die Berücksichtigung sozialer Kompetenzen entscheidend, wozu u.a. die Fähigkeit zur Unsicherheitstoleranz und zur Herstellung einer Distanz zu einem selber gehörten, sowie die Kompetenz und Bereitschaft zu einem Perspektivwechsel.

Anschließend stand Röseberg den Fragen der interessierten Zuhörer zur Verfügung.

Zur Referentin:

Die Referentin, Dorothee Röseberg, ist Professorin für Kulturwissenschaft und Romanistik.  Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Geschichte, Theorien und Methoden fremdsprachlicher Kulturwissenschaft sowie Interkulturalitäts- und Fremdheitsforschung (Xenologie). An ihrer langjährigen Wirkungsstätte, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, gelang es ihr 2002 im Rahmen der Bologna-Umstellungen Bachelor- und Masterstudiengänge zu dieser Thematik zu etablieren: „Interkulturelle Europa- und Amerikastudien“ (IKEAS). In einer dritten IKEAS-Variante gelang es Professor Röseberg einen binationalen deutsch-französischen Exzellenz-Studiengang in Kooperation mit der Université Paris Nanterre ins Leben zu rufen, dessen Studierende für ihre Studien- und Praktikumszeit im Ausland durch die Deutsch-Französische Hochschule gefördert wurden (DFH/UFA).

Mit der Möglichkeit in interdisziplinärer und interkultureller Perspektive (Fremdsprachen) Philologien wie Anglistik, Germanistik, Romanistik und Slawistik mit anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie z.B. Ethnologie, Jura, Kunstwissenschaft, Philosophie, Psychologie oder auch Wirtschaft  zu kombinieren, schuf Professor Röseberg ein Alleinstellungsmerkmal für den Studien- und Forschungsstandort Halle (Saale).

Interdisziplinäre und internationale Forschungsprojekte, u.a. auch binational betreute Promotionen mit Doktoranden aus verschiedenen Ländern, darunter auch aus Togo und Kamerun, begleiten ihre Tätigkeit bis heute.

2015 wurde Professor Röseberg für ihre Verdienste um die deutsch-französischen Hochschulbeziehungen zum „Officier dans l’ordre des Palmes Académiques“ ernannt – und erhielt damit eine der höchsten Auszeichnungen Frankreichs. Seit 2016 ist sie Vizepräsidentin der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. In diesem Jahr erhielt sie einen weiteren deutsch–französischen Preis für ihr Gesamtwirken als Kulturmittlerin.